| Die Leopoldstadt war einst eines der lebendigsten Zentren
jüdischen Lebens in Wien. Zwischen Donaukanal und Donau entstand ein
vielfältiges Geflecht an sozialen, religiösen und kulturellen Einrichtungen.
Hier standen die prächtigsten Tempel der Stadt ebenso wie die schlichten
Bethäuser orthodoxer Gemeinden. Neben der Produktenbörse, dem pulsierenden
Knotenpunkt jüdischer Handelsinteressen, reihten sich die kleinen Geschäfte der
Zuwanderer aus Galizien. Schulen, Vereine, Kaffeehäuser und Theater prägten den
Alltag und schufen einen unverwechselbaren urbanen Kosmos.
In diesem Bezirk lebten zukunftsorientierte Zionisten Tür an
Tür mit strenggläubigen chassidischen Juden. Sigmund Freud verbrachte hier
seine Jugendjahre; Arnold Schönberg, Arthur Schnitzler, Oscar Straus und Viktor
Frankl wurden in der Leopoldstadt geboren. Die Shoah löschte diese einst
blühende Welt brutal aus. Doch nach Jahren des Schweigens ist wieder neues,
selbstbewusstes jüdisches Leben eingezogen – besonders sichtbar im Viertel
zwischen Hollandstraße und Tempelgasse, wo wir Teilen des durch Gedenktafeln
markierten „Weg der Erinnerung“ folgen. |